Deutscher Gewerkschaftsbund

15.05.2018
Gewalt gegen Beschäftigte im öffentlichen Dienst

"Die Hemmschwelle ist extrem gesunken"

Sie werden beschimpft, bespuckt und mit dem Messer bedroht – einfach nur, weil sie ihren Job machen. Auf dem DGB-Bundeskongress in Berlin berichten Beschäftigte aus verschiedenen Berufen, wie sie Gewalt im Alltag erleben.

Einsatz endet im Krankenhaus

Silvester 2016. Die Polizistin Maike Neumann wird zu einem Einsatz gerufen. Rettungssanitäter sind von einer Frau angegriffen worden und haben Hilfe angefordert. Als Maike Neumann eintrifft, ist die extrem aggressive Frau schon gefesselt. Trotzdem gelingt es ihr, nach hinten auszutreten. Maike Neumann wird so heftig im Unterleib getroffen, dass sie zu Boden geht und sich vor Schmerzen krümmt. Sie verbringt den Neujahrsmorgen im Krankenhaus und weiß tagelang nicht, ob sie noch Kinder bekommen kann.

Maike Neumann in unserer Reportage vom 3. Tag des DGB-Bundeskongresses 2018

Brutalität steigt

Dass Polizisten im Dienst auch Gewalt erleben, ist nicht neu. Doch das Ausmaß der Bedrohung hat sich geändert. Die Brutalität steigt, die Hemmschwelle sinkt. Diese Erfahrung machen auch viele andere Berufsgruppen. Dazu gehören unter anderem Lehrerinnen und Lehrer, Beschäftigte im Ordnungsamt und im Jobcenter, Feuerwehrleute, Zugbegleiterinnen und Zugbegleiter. Auf dem 21. DGB-Bundeskongress bekommen Delegierte und Gäste einen kleinen Eindruck davon, wie das im Alltag aussieht.

Maike Neumann (Polizistin, GdP), Andreas Liste (Jobcenter Halle, ver.di), Rajko Wengel (Ordnungsamt Kiel, ver.di) im Gespräch

Berichten von ihren Erfahungen: Maike Neumann (GdP), Andreas Liste (ver.di), Rajko Wengel (ver.di) DGB/U. Voelkner/FOX

"Dann steche ich Sie ab!"

Die Lehrerin Stefanie Kalupke berichtet von einem Schüler, der droht, sie abzustechen – weil sie ihn in der Pause am Verlassen des Schulhofs hindern will. Der Zugbegleiter Dennis Bitzer muss einen IC am Bahnhof zurückhalten, damit die Polizei einen Fahrgast aus dem Zug holen kann, der einen Kollegen bei der Fahrscheinkontrolle bedroht hat und „ein absolutes Sicherheitsrisiko“ darstellt.

Übergriffe, Beschimpfungen, Beleidigungen

Andreas Liste vom Jobcenter Halle empfindet eine „massive Bedrohung“, wenn er sieht, welche Mengen an Waffen bei Kontrollen eingesammelt werden. Es gibt Übergriffe, Beschimpfungen und Beleidigungen, Beschäftigte werden persönlich angegriffen oder mit Gegenständen beworfen. Ähnliche Erfahrungen macht Rajko Wengel vom Ordnungsamt Kiel; einmal habe jemand versucht, einen Mitarbeiter mit dem Auto zu überfahren. Und Erik Brumm von der Feuerwehr Frankfurt sagt: „Wir sind da, um Menschen zu helfen. Dann soll man uns die Arbeit auch machen lassen und uns nicht bedrohen.“

Stefanie Kalupke (Lehrerin, GEW), Erik Brumm (ver.di), Dennis Bitzer (EVG) im Gespräch

Stefanie Kalupke (GEW), Erik Brumm (ver.di), Dennis Bitzer (EVG) DGB/U. Voelkner/FOX

Respekt geht verloren

Die Bedrohung wächst: Das empfinden alle, die hier ihre Erfahrung schildern. Der Respekt gehe immer mehr verloren. „Das ist eine Tendenz, die mich verzweifeln lässt“, sagt Stefanie Kalupke. Doch was kann man dagegen tun? Als erstes: Bewusstsein schaffen, auf das Problem aufmerksam machen, sensibilisieren. Zum Beispiel durch Auftritte wie diesen oder Kampagnen wie Auch Mensch der Gewerkschaft der Polizei (GdP).

Beschäftigte schützen

Außerdem müssen die Beschäftigten geschützt werden – und zwar durch den Arbeitgeber und die Politik. Dazu gehört auch, die Arbeitsbedingungen zu verbessern und zum Beispiel die vielen sachgrundlosen Befristungen, die es in den Jobcentern gibt, abzuschaffen. Oder an den Schulen Sozialarbeiter einzustellen.

Arbeit für die Gesellschaft

Allen, die heute hier von ihren Erfahrungen berichten, ist es außerdem wichtig, dass sie als Mensch wahrgenommen werden – und dass ihre Arbeit anerkannt wird. „Wir sorgen für Sicherheit. Wir sorgen dafür, dass ein gutes Zusammenleben in der Stadt möglich ist, dass nicht jeder überall hinpinkelt oder seinen Müll hinschmeißt“, sagt Rajko Wengel vom Ordnungsamt Kiel. „Es kann nicht sein, dass wir für unsere Tätigkeit für die Gesellschaft bestraft werden.“


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