Deutscher Gewerkschaftsbund

11.09.2017

Schluss mit Dumpinglöhnen und Tarifflucht

2000 Beschäftigte demonstrieren in Düsseldorf für allgemeinverbindliche Tarifverträge

Bei einer Großkundgebung in Düsseldorf demonstrierten am Samstag rund 2000 Handelsbeschäftigte für allgemeinverbindliche Tarifverträge im Einzelhandel. Die seit Jahren sinkende Anzahl von Tarifverträgen alarmiert und besorgt die Beschäftigten, die über steigenden Leistungsdruck und eine gleichzeitig geringere Wertschätzung ihrer Arbeit klagen. Ver.di-Chef Frank Bsirske unterstützte die Demonstranten in ihren Forderungen und beschwor die Notwendigkeit eines starken gesellschaftlichen Zusammenhalts, um Druck auf die Arbeitgeber und die Politik auszuüben. 

Demonstranten fordern allgemeinverbindliche Tarifverträge im Einzelhandel

ver.di-Mitglieder demonstrieren im Hofgarten in Düsseldorf für allgemeinverbindliche Tarifverträge DGB NRW

Was ist eine Allgemeinverbindlichkeitserklärung?

Die Allgemeinverbindlichkeitserklärung (AVE) eines Tarifvertrags bewirkt, dass die Rechtsnormen dieses Tarifvertrags auch für alle bisher nicht tarifgebundenen Arbeitgeber und Arbeitnehmer innerhalb des sachlichen und räumlichen Geltungsbereichs des Tarifvertrags verbindlich werden. Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales kann einen Tarifvertrag für allgemeinverbindlich erklären, wenn ein aus je drei Vertretern der Arbeitgeberverbände und der Gewerkschaften besetzter Tarifausschuss mehrheitlich zustimmt. Der Rückgang der Allgemeinverbindlichkeitserklärung begann bei den Lohn- und Gehaltstarifverträgen ab dem Jahr 2000, als der Konsens durch die Arbeitgeberverbände aufgekündigt wurde.  

Nur noch 30 Prozent der Beschäftigten im Einzelhandel arbeiten nach Tarifvertrag. 2010 waren es noch 58 Prozent. Die Folgen dieser Entwicklung zeigen sich deutlich beim Blick in den Geldbeutel. "In tarifgebunden Unternehmen werden 25 bis 30 Prozent höhere Löhne gezahlt", so Bsirske. "Die Arbeitnehmer müssen an den Gewinnen des Unternehmens teilhaben und das geht am besten über Tarifverträge." Die aktuelle Entwicklung sei mehr als besorgniserregend: "Diese Branche ist geprägt von einer Konzentration der Marktmacht, von Verdrängung der Konkurrenten und von aggressivem Preiswettbewerb. Prekäre Beschäftigungsbedingungen sind die Begleiterscheinungen. Und Altersarmut die drohende Folge."

Andrea Nahles prangert Beschäftigungsverhältnisse an

Auch Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles (SPD), die an der Kundgebung teilnahm, machte in ihrer Rede deutlich, dass die derzeitige Situation im Einzelhandel unhaltbar sei: "Auf eurem Rücken wird ein knallharter Verdrängungswettbewerb ausgetragen", kritisierte sie. "Im Einzelhandel läuft etwas grundsätzlich falsch. Es herrschen fast schon amerikanische Verhältnisse."

Demonstranten fordern allgemeinverbindliche Tarifverträge im Einzelhandel

DGB NRW

Mehr Arbeit für das gleiche Geld – und keine Mitbestimmung

Die Beschäftigten von Amazon, Karstadt, Zalando und Co. klagen nicht nur über niedrige Löhne, sondern über eine allgemeine Verschlechterung der Arbeitsbedingungen und einen Mangel an Mitbestimmung. "Das Schlimme ist doch, dass keiner mit uns redet", erläutert Birgit von Amazon in Koblenz. "Es hat noch kein einziges Gespräch mit uns stattgefunden. Wir werden völlig ignoriert." Der Karstadt-Mitarbeiter Gabriel aus Wiesbaden beobachtet insbesondere in den letzten drei Jahren eine dramatische Entwicklung: "Die Überlastung ist deutlich angestiegen. Wir arbeiten mehr für das gleiche Geld. Dabei geht man kaputt."

Mit ihrer Kampagne für allgemeinverbindliche Tarifverträge, die im März dieses Jahres gestartet ist, sagt ver.di der Tarifflucht der Unternehmen den Kampf an. Die Kampagne begleitet die Tarifrunde 2017 und setzt auf Aufklärungsarbeit innerhalb und außerhalb der Betriebe und öffentlichkeitswirksame Aktionen mit Unterstützung aus der Politik.



Fotos der Demonstration

Klicken Sie auf die Fotos, um sie zu vergrößern.

>> Mehr Informationen zur Kampagne gibt es hier.


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