Deutscher Gewerkschaftsbund

10.11.2022

ver.di: Nicht mehr im Abseits

Personalrat der Uni Potsdam mit Sonderpreis des Deutschen Personalräte-Preises ausgezeichnet: Inklusionsvereinbarung leistet Beitrag zum Abbau von Barrieren.

Nicht alle können mühelos die Schrift auf der Website entziffern oder gemütlich über die Wege zur Uni spazieren: Als Personalrat an der Universität Potsdam weiß Alexander Beyer, dass Menschen mit Behinderung und chronischer Erkrankung tagtäglich auf Hürden stoßen. „Doch mit ihren Themen standen sie früher immer etwas abseits“, sagt der Vorsitzende des Gesamtpersonalrats, der auch bei ver.di aktiv ist. Damit soll jetzt Schluss sein: Die Universität Potsdam hat eine Inklusionsvereinbarung geschlossen. Ziel ist es, Chancengleichheit zu fördern. Für die Dienstvereinbarung gingen der Gesamtpersonalrat und die Schwerbehindertenvertretung ins Rennen für den Deutschen-Personalräte-Preis 2022. Bei der Preisverleihung am 9. November in Berlin wurden sie mit dem Sonderpreis in der Kategorie Schwerbehindertenvertretung ausgezeichnet. "Sie überzeugten mit der Einführung und Umsetzung einer Inklusionsvereinbarung", hieß es zur Begründung. Damit leiste die Universität Potsdam einen umfassenden Beitrag zum Abbau von Barrieren.

Alexander Beyer hofft, dass dadurch das Thema stärker ins Bewusstsein rückt –„sowohl in den Unis als auch in der Gesellschaft.“ Per Gesetz ist längt vorgeschrieben, dass Menschen mit Behinderung oder chronischer Erkrankung gleichberechtigt am Arbeitsleben teilhaben können. Aber in der Realität kann davon noch lange keine Rede sein. Die Universität Potsdam hat einen ganzen Maßnahmenkatalog beschlossen, um Barrieren an der Hochschule abzubauen. „Das ist ein Prozess“, betont der Gewerkschafter. An der Uni hat sich zudem ein Inklusionsteam gegründet, das einmal pro Jahr die Umsetzung der Pläne auswertet und Bericht erstattet. 

Gut sei vor allem, dass die zu unterstützenden Beschäftigten endlich in den Blick gerieten. Auch ihm selbst sei vorher gar nicht bewusst gewesen, wie groß ihre Einschränkungen im Alltag sind, gesteht Alexander Beyer. Zur Vorbereitung auf die Dienstvereinbarung hat sich der Gewerkschafter in einen Rollstuhl gesetzt und ist damit übers Kopfsteinpflaster geholpert. „Katastrophal!“ Außerdem setzte er sich eine Brille auf, die seine Sicht stark beeinträchtigte. „Plötzlich konnte ich unten die Stufen nicht mehr sehen“, berichtet der Systemadministrator. Auch die Buchstaben am Computer konnte er kaum erkennen. Natürlich kann eine solche Simulation nur sehr eingeschränkt helfen, das tägliche Erfahren einer Behinderung besser nachzuvollziehen. Aber die Erfahrung hat für Beyer verdeutlicht: „Gerade die Universität als Forschungs- und Ausbildungsbetrieb muss viel stärker auf Chancengleichheit achten“. Er berichtet, dass etwa 15 Prozent der rund 5.000 Beschäftigten an der Uni eine Behinderung oder chronische Erkrankung aufweisen.

Die Inklusionsvereinbarung zu entwickeln, sei ein Kraftakt gewesen, sagt der 53-Jährige. Daran beteiligt waren neben dem Personalrat die Dienststellenleitung, Schwerbehindertenvertretung, Gleichstellungsbeauftragte sowie diverse andere Personen. Kurz nachdem die damalige Schwerbehindertenvertretung die Idee erstmalig vortrug, legte die Corona-Pandemie alles lahm. „Wir mussten uns dafür in die gesetzlichen Rahmenbedingungen einarbeiten“, berichtet der Personalrat. „Doch es war uns nicht mal möglich, eine kommentierte Ausgabe des Sozialgesetzbuchs zu bekommen. Alle Läden waren zu, die Bibliothek war zu.“ Auch Schulungen fanden zunächst nicht mehr statt.

Als Personalvertretung richteten Alexander Beyer und die anderen Mitglieder des Gremiums ihren Fokus vor allem auf die Belange der Beschäftigten mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen. Doch auch die Studierenden mit Beeinträchtigungen werden im Inklusionskonzept explizit berücksichtigt. „Wir haben vor allem Ziele definiert“, berichtet der Gewerkschafter, wie beispielsweise digitale Barrierefreiheit. „Darauf können wir uns als Personalrat in Zukunft berufen.“ Einige Maßnahmen wurden direkt umgesetzt, dazu zählt unter anderem die Planung neuer Wege auf dem Campus. Sehr wichtig sei auch, dass die Schwerbehindertenvertretung für ihre Arbeit von ihrer eigentlichen Tätigkeit freigestellt wird. „Früher hat sie die vielen Aufgaben so nebenbei erledigt.“

Ins Rennen für Deutschen Personalräte-Preis geht übrigens auch der Akademische Personalrat der Universität Potsdam, der durchgesetzt hat, dass befristete Verträge aufgrund der pandemiebedingten Belastungen um ein Jahr verlängert werden. „Das ist ganz witzig“, sagt Alexander Beyer. „Davon haben wir erst später erfahren.“ Ihm geht es bei der Nominierung vor allem um eins: „Ich hoffe, dass die Situation von Menschen mit Behinderung oder chronischen Erkrankungen an den Universitäten dadurch mehr Aufmerksamkeit erhält.“ Und vielleicht, fügt er hinzu, könne ihre Inklusionsvereinbarung der einen oder anderen Uni als Vorbild dienen.


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