Deutscher Gewerkschaftsbund

09.12.2021

IG Metall: Ein besonderer Weg zu einem Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung - Selbstbestimmt, engagiert und frei

Dilek Çolak wächst in der Türkei auf, arbeitet dort als Grundschullehrerin. Sie ist engagierte Gewerkschafterin. Eines Tages wird Dilek verurteilt und verhaftet. Vor Haftantritt gelingt ihr die Flucht nach Deutschland. Hier baut sich die 37-Jährige ein neues Leben auf. Unterstützt wird sie durch ein Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung.
Dilek Çolak war sehr aufgeregt während der Auswahlgespräche. Sie musste alles noch mal erzählen. Alles kam wieder hoch. Wie ihr Verteidiger sie nach dem Urteil anrief und ihr sagte, sie müsse gehen, sie müsse ihr Land verlassen, nicht irgendwann, sondern am besten jetzt gleich und für immer: Dilek Çolak war klar, dass er recht hatte.

Sie wusste, dass sie schnell ihr Land, die Türkei, verlassen musste. Das Land, in dem sie aufgewachsen war und in dem sie als Grundschullehrerin unterrichtet hatte. Das Land, das sie liebt, aber dessen Justiz sie fürchtet. Sie wusste auch, dass sie ihre Familie zurücklassen würde: ihren Bruder, ihre Schwester, ihre Eltern. »Das war schwer, schmerzhaft«, sagt Dilek Çolak heute, an einem kalten Oktobertag, acht Jahre danach. »Es blieb aber keine andere Wahl. Ich musste gehen, um nicht im Gefängnis
zu landen. Um mein Leben selbstbestimmt, engagiert und frei leben zu können.«

Dilek Çolak, 37 Jahre alt, Grundschullehrerin, seit einem Jahr Studentin der Technischen Informatik an der TH Köln, engagierte Gewerkschafterin, hat sich ihr selbstbestimmtes, engagiertes, freies Leben zurückerobert. Und das Auswahlgespräch für das Stipendium der Hans-Böckler-Stiftung, das sie am Ende bekommen hat, lief  dann doch sehr gut. »Ich bekomme als Stipendiatin finanzielle Unterstützung, das hilft. Und ich habe ein Netzwerk von Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich mich  austauschen kann. Das gibt mir Sicherheit.«

Sie engagiert sich in der Gewerkschaft
Sicherheit: Das ist das, was Dilek Çolak in der Türkei nicht mehr hatte, nicht mehr hat, nie mehr haben wird. Wenn man mit ihr darüber spricht, wie es zu all dem kommen konnte, wie es geschah, dass gegen sie Anklage erhoben, dass sie schließlich zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde, dann spürt man, 
wie unverständlich alles für sie bis heute ist. Dass sie es nicht richtig erklären, selbst nicht nachvollziehen kann.

Dilek Çolak ist in Malatya geboren, eine Stadt mit rund 800 000 Menschen im Südosten der Türkei. Sie studiert Lehramt an der Malatya-Inönü-Universität und arbeitet später in Diyarbakir als Lehrerin an einer Schule. Und sie engagiert sich in der Gewerkschaft. Sie wird Mitglied der Egitim Sen, die im türkischen Gewerkschaftsbund KESK für Bildung und Wissenschaft zuständig ist. »Ich habe mit Frauengruppen für die Rechte der Kurden und für Frauenrechte gekämpft«, erzählt Dilek Çolak. »Die Arbeit war mir sehr wichtig, weil viele Frauen ihre Rechte auf Bildung und Arbeit noch immer nicht wahrnehmen können. Auch mein eigener Weg zum Studium war schwierig. Schon allein 
deshalb, weil meine Muttersprache Kurdisch ist.« Letztlich war es dieser Einsatz für die kurdische Kultur und Sprache, letztlich war es ihr großer Mut, ihr Engagement und ihre Kreativität, die Dilek Çolak zur Ausreise zwangen.

Damals in der Türkei arbeitete Dilek Çolak an einem gewerkschaftlichen Projekt mit: »Frauen machen Kino in ihrer Muttersprache« war der Titel. Zusammen mit ihren  Schülerinnen und Schülern produzierte sie einen Kurzfilm in kurdischer Sprache. Der handelte von den Erfahrungen der jungen Menschen beim Sprechen ihrer  Muttersprache. »Ich habe als Lehrerin erlebt, dass die kurdischen Kinder in der Schule ihre Muttersprache nicht sprechen durften«, sagt Dilek Çolak. »Ich habe gesehen, wie  sie das belastet, wie sehr sie darunter litten. « Der Film, sagt sie, war ihr eine Herzensangelegenheit. Aber es war zugleich gefährlich, an ihm zu arbeiten.

Zwei Jahre lebt sie in einem Camp
Wie sehr, das wird deutlich, als Dilek plötzlich verhaftet wird. 2008 muss sie vier Monate in Untersuchungs haft verbringen. Der darauffolgende Prozess dauert mehrere Jahre  - am Ende steht ein Urteil: sieben Jahre und drei Monate Gefängnis. Bevor das Urteil aber rechtskräftig wird, bevor sie wieder hätte ins Gefängnis gehen müssen, schafft Dilek Çolak es, aus dem Land zu fliehen.

Im Mai 2016 kommt Dilek Çolak über den Irak nach Deutschland. Sie beantragt politisches Asyl und bekommt es zuerkannt. Zwei Jahre lang lebt sie in einem Camp in der Nähe von Darmstadt. Dann kommt sie bei Freunden unter. Im Wintersemester 2020/2021 schreibt sich Dilek Çolak an der TH Köln zum Studium ein. Sie findet eine kleine  Wohnung. Sie lernt jeden Abend Deutsch. Sie belegt Sprachkurse, liest, manchmal bis spät in die Nacht, Bücher über Softwareund Hardwareprogrammierung.

Und sie engagiert sich weiter als Gewerkschafterin: Sie wird Mitglied in der GEW, besucht DGB-Veranstaltungen. »Ich lerne viel, ich arbeite hart«, sagt Dilek Çolak. »Ich will  mir in Deutschland ein Leben aufbauen.« In der Türkei wird das nicht möglich sein. Dilek Çolak macht sich da keine Illusionen. Das macht es nicht leichter. »Ich telefoniere 
täglich mit meinen Eltern und meinen Geschwistern in der Türkei«, sagt sie. »An manchen Tagen ist es sehr, sehr schwer.«

Was dann hilft? Das Wissen, dass sie Menschen um sich hat, die für sie da sind, sagt Dilek Çolak, zu denen sie gehen kann. Die Mitbewohner in ihrem Wohnprojekt, in dem  ältere und junge Menschen unter einem Dach leben. Die Kommilitoninnen, die mit ihr studieren und die Dilek im neuen Semester endlich nicht immer nur in  Videokonferenzen sehen will.

Und auch das: Ihre Mitstreiterinnen und Mitstreiter in der Gewerkschaft und bei der HBS. »Wir sind ein gutes Team«, sagt Dilek Çolak. »Wir halten alle zusammen.«


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