Deutscher Gewerkschaftsbund

28.11.2023

Ausbildungsreport der DGB-Jugend NRW 2023

Um die Qualität der Ausbildung in NRW zu bewerten, befragt die DGB-Jugend regelmäßig Auszubildende aus den 25 häufigsten Ausbildungsberufen. Für diesen Report haben zwischen September 2022 und Mai 2023 insgesamt 2.731 Auszubildende aus Nordrhein-Westfalen an der Befragung teilgenommen. Dabei stellen wir Fragen in vier Kategorien: Zur fachlichen Qualität der Ausbildung im Betrieb und am Berufskolleg, zu den Ausbildungszeiten und Überstunden, zur Ausbildungsvergütung, und zur persönlichen Bewertung der Ausbildung. Damit gibt unser Report einen guten Überblick über die Ausbildungssituation in NRW. Er zeigt auf, was gut läuft, legt aber auch Mängel offen.

Grafik die zeigt, aus welchen Faktoren sich die Gesamtbewertung zusammensetzt

Fachliche Qualität der Ausbildung

Schaut man zunächst auf die Frage nach der fachlichen Qualität der Ausbildung, zeigt sich, dass knapp sieben von zehn der befragten Auszubildenden aus Nordrhein-Westfalen (69 Prozent) die fachliche Qualität der Ausbildung in ihrem Betrieb als „gut“ oder „sehr gut“ empfinden. Damit liegen die Betriebe vor den Berufskollegs: Hier sind es nur 56 Prozent der Schüler*innen, die der fachlichen Qualität des Unterrichts am Berufskolleg ein „Gut“ oder „Sehr gut“ geben. Dies hängt vor allem mit der personellen und materiellen Ausstattung der Berufskollegs zusammen. Als Gewerkschaftsjugend kritisieren wir schon lange, dass dieser Bereich des Schulsystems chronisch unterfinanziert ist. Es gibt in NRW sehr gut ausgestattete Berufskollegs – diese sollten für die Politik die Referenz sein und nicht die Ausnahme bleiben.

 

Grafik mit Vergleich der fachlichen Qualität von Berufsschule und Betrieb

Aber auch bei den Betrieben ist nicht nur positiv. Dass rund zehn Prozent der Befragten nur ein „Ausreichend“ oder „Mangelhaft“ vergeben, zeigt, dass es auch hier zum Teil erheblichen Verbesserungsbedarf bei der fachlichen Qualität gibt. Zum Beispiel liegt bei vier von zehn der befragten Auszubildenden (38 Prozent) kein betrieblicher Ausbildungsplan vor - obwohl dies gesetzlich vorgeschrieben ist. Diese Azubis haben keine Möglichkeit zu überprüfen, ob ihnen alle Inhalte vermittelt werden, die zum Erreichen des Ausbildungsziels notwendig sind. Leicht angestiegen sind die sogenannten „Ausbildungsfremden Tätigkeiten“. 13 Prozent der Auszubildenden in NRW müssen regelmäßig fachfremde Tätigkeiten verrichten, die eigentlich nichts mit ihrer Ausbildung zu tun haben. Bedenklich ist auch, dass acht Prozent der befragten Azubis angeben, keinen Ausbilder im Betrieb haben, der sich um sie kümmert und die fachliche Anleitung übernimmt.

So verwundert es nicht, dass die Bewertungen zur fachlichen Qualität in der Ausbildung im Betrieb zwischen den einzelnen Berufen weit auseinandergehen. Die angehenden Industriekaufleute bewerten die fachliche Qualität der Ausbildung im Betrieb am besten, es folgen Industriemechaniker*innen und Fachinformatiker*innen. Im Schlussdrittel mit den schlechteren Bewertungen befinden sich beispielsweise Friseur*innen, Maler*innen und Lackierer*innen sowie Tischler*innen. Das Schlusslicht bilden die Hotelfachleute – wie auch schon 2022.

Arbeitszeiten

Deutlich Luft nach oben gibt es zum Teil nicht nur bei der fachlichen Qualität, sondern auch bei den Arbeitszeiten. So gibt rund ein Drittel der Azubis in NRW an, regelmäßig Überstunden machen zu müssen. Dabei gibt es auch hier große Unterschiede zwischen den Ausbildungsberufen: Bei den angehenden Gärtner*innen und Tischler*innen muss nach eigenen Angaben sogar die Mehrheit regelmäßig Überstunden ableisten. Und auch Auszubildende aus dem Hotel- und Gaststättengewerbe sind besonders stark von Überstunden betroffen.

 

Grafik die zeigt, wie viele Auszubildende Überstunden machen müssen

Ausbildungsvergütung

Selbstverständlich ist auch die Ausbildungsvergütung ein entscheidender Aspekt, wenn es um die Bewertung der eigenen Ausbildung geht. Auch hier gibt es erhebliche Differenzen: So verdienen beispielsweise die in Nordrhein-Westfalen befragten angehenden Kaufleute im Groß- und Außenhandelsmanagement im ersten Ausbildungsjahr mit 1.120 Euro fast 400 Euro mehr als die angehenden Maler*innen und Lackierer*innen (733 Euro).

Persönliche Beurteilung der Ausbildungsqualität

Die vierte Kategorie unseres Ausbildungsreportes heißt „Persönliche Beurteilungen der Ausbildungsqualität“. Hier geht es um die weichen Faktoren: Fühlen sich die Azubis korrekt durch die Ausbilder*innen behandelt? Empfinden sie ihre Ausbildung als über- bzw. unterfordernd? Wollen sie nach der Ausbildung in dem Beruf weiterhin arbeiten? Und sind sie insgesamt zufrieden mit ihrer Ausbildung? Das Ergebnis zeigt: Wie in den letzten Jahren waren 70 Prozent der befragten Auszubildenden aus Nordrhein-Westfalen mit ihrer Ausbildung „sehr zufrieden“ oder „zufrieden“. Ein Viertel gab an, mit der Ausbildung „teilweise zufrieden“ zu sein, rund sechs Prozent äußerten sich „eher unzufrieden“ oder „sehr unzufrieden“. Dabei ist wenig überraschend: Zwischen der persönlichen Zufriedenheit der Azubis und der Gesamtbewertung der Ausbildung besteht eine deutliche Korrelation. Es hängt also in hohem Maße von der fachlichen Qualität und den strukturellen Rahmenbedingungen der Ausbildung ab, ob die Azubis insgesamt zufrieden sind.

Ein weiterer Faktor, der die Ausbildungszufriedenheit positiv beeinflusst ist die Mitbestimmung. Azubis, die auf die Unterstützung einer Jugend- und Auszubildendenvertretung zurückgreifen können, sind deutlich zufriedener. Das zeigt einmal mehr, wie wichtig verbindliche Teilhabe ist. Und auch die Frage, ob Jugendliche ihren Wunschberuf erlernen, spielt eine wichtige Rolle. Vor diesem Hintergrund ist es besorgniserregend, dass knapp drei von zehn Befragten eine Ausbildung in einem Beruf absolvieren, der eigentlich nicht geplant war oder ihren Ausbildungsberuf sogar als „Notlösung“ erachten. Bei diesen Auszubildenden ist die Gefahr deutlich höher, dass sie ihre Ausbildung vorzeitig abbrechen. Das zeigt: Wir brauchen in allen Regionen Nordrhein-Westfalens ein auswahlfähiges Angebot an Ausbildungsplätzen, damit jeder junge Mensch eine Berufsausbildung finden kann, die zu seinen Interessen und Begabungen passt. Zudem muss die Berufsorientierung an den Schulen einen noch stärkeren Fokus auf die Wünsche und Stärken der Schüler*innen legen.

 

Grafik die zeigt, wie viele Auszubildende auch wirklichen ihren Wunschberuf gewählt haben

Gesamtbewertung

Die Antworten der Azubis auf diese und viele weitere Fragen ergeben nun die Gesamtbewertung. Hier zeigt sich, welche Berufe in NRW insgesamt gute Ausbildungsbedingungen bieten, welche sich im Mittelfeld befinden, und welche großen Defizite aufweisen. Voraussetzung für ein gutes Abschneiden in unserem Ranking ist eine durchgängig gute Bewertung in allen vier Hauptkategorien. In der Spitzenbewertung finden sich - wie in den letzten Jahren auch - Fachinformatiker, Industriekaufleute, Bankkaufleute, Elektroniker*innen für Betriebstechnik sowie Mechatroniker*innen. Aus dem Mittelfeld sind die Groß- und Außenhandelsmanager*innen aufgestiegen. Elektroniker*innen haben sogar einen großen Sprung aus dem letzten in das vordere Drittel geschafft. Bei diesen beiden Aufsteigern haben sich vor allem die fachliche und die persönliche Bewertung verbessert. Besonders bei den Elektroniker*innen scheint dies auf eine Normalisierung der Ausbildung nach der Corona-Zeit hinzuweisen. Im unteren Drittel sind es erneut Einzelhandelskaufleute, Zahnmedizinische Fachangestellte, Verkäufer*innen, Hotelfachleute und Friseur*innen, die besonders schlechte Bewertungen abgeben. Aus dem Mittelfeld hinzugekommen sind die Berufe des Tischlers und der Fachkraft für Lagerlogistik.

Insgesamt zeigt sich, dass es wenig Bewegung in der Gesamtbewertung gibt. Es sind seit Jahren fast immer dieselben Berufe, die den Azubis eine gute oder sehr gute Ausbildung bieten. Und auch bei den Ausbildungsberufen im unteren Drittel tut sich wenig. Wenn hier eine Chance bestehen soll, dem Fachkräftemangel entgegenzuwirken, müssen die Arbeitgeber jetzt handeln und die Ausbildungsbedingungen deutlich verbessern.

Schwerpunkt "Moderne Ausbildung"

Abschließend ein Blick auf den diesjährigen Schwerpunkt „Moderne Ausbildung“. Unsere Befragung dazu verstärkt den Eindruck, dass es an unseren Berufskollegs dringenden Handlungsbedarf gibt. Im Bereich Digitalisierung werden von den Azubis erhebliche Defizite gesehen, die sich negativ auf die Bewertung der Unterrichtsqualität insgesamt auswirken. Besonders schlecht wird die digitale Ausstattung der Berufskollegs bewertet, die fast 36 Prozent der Befragten nur als „ausreichend“ oder sogar „mangelhaft“ empfinden. Etwas positiver fällt die Einschätzung aus, wenn es um die Vorbereitung der Lehrkräfte auf den Umgang mit digitalen Medien geht. Diese wird von 47 Prozent der Auszubildenden als „sehr gut“ oder „gut“ bezeichnet, rund ein Fünftel (21 Prozent) bewertet sie allerdings ebenfalls als „ausreichend“ oder „mangelhaft“. Und wie sehen sich die Azubis selbst? Es überrascht nicht, dass nur jede*r dritte Auszubildende in NRW der Meinung ist, „sehr gut“ oder „gut“ auf den Umgang mit digitalen Medien vorbereitet zu sein.

 

Grafik zur Digitalisierung in Betrieb und Berufsschule

Aber auch die Betriebe haben in punkto Digitalisierung großen Nachholbedarf. 40 Prozent der befragten Auszubildenden geben an, nur „selten“ oder sogar „nie“ die benötigten technischen Geräte für eine digitale Ausbildung zur Verfügung gestellt zu bekommen. Als stark ausbaufähig erachten die Auszubildenden auch die Lernortkooperation beim Thema Digitalisierung. So bezeichnen lediglich drei von zehn der Befragten die Abstimmung zwischen Schule und Ausbildungsbetrieb als „sehr gut“ oder „gut“.

Angesichts des sich verschärfenden Fachkräftemangels sind diese Ergebnisse ein Armutszeugnis. Wollen wir die Fachkräfte von morgen gewinnen, müssen wir sie bereits heute zeitgemäß und mit modernsten Lernmethoden ausbilden – sonst wird das nichts mit dem Wandel unserer Arbeitswelt. Die berufliche Bildung braucht daher dringend ein Systemupdate!

Unser duales Ausbildungssystem ist weltweit fast einzigartig, viele Länder beneiden uns darum. Diesen Standortfaktor müssen wir erhalten, indem wir beide Säulen des Systems stärken – die Ausbildung am Berufskolleg und die Ausbildung im Betrieb.


Download

Hier den Ausbildungsreport herunterladen (.pdf)


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