Deutscher Gewerkschaftsbund

16.03.2016
Berufsschultour der DGB-Jugend besucht Flüchtlingsklasse in Münster

"Von einer besseren Ausbildung profitieren alle – egal wie lange sie schon in Deutschland leben"

Interview mit Felix Eggersglüß, Jugendbildungsreferent des DGB Münsterland

Auf ihrer Berufsschultour besucht die DGB-Jugend jedes Jahr tausende Schülerinnen und Schüler im Unterricht. Die Teamerinnen und Teamer wollen Auszubildende stärken und ihnen Mut machen zur Teilhabe. Sie informieren über Rechte und Pflichte in der Ausbildung und darüber, was Gewerkschaften und Betriebsräte sind. Anfang März gab es eine Premiere: Die DGB-Jugend Münsterland und die IG Metall-Jugend Münster besuchten eine Flüchtlingsklasse. Gemeinsam mit dem IG Metall-Jugendsekretär Felix Spreen war Felix Eggersglüß als Jugendbildungsreferent des DGB Münsterland vor Ort. Letzterer berichtet im Interview von dem Besuch.

Das Interview führte Kathrin Biegner

Felix Eggersglüß (1. Reihe, 1.v.l.), Jugendbildungsreferent DGB-Region Münsterland, mit der Flüchtlingsklasse und dem Team der Berufsschultour

Felix Eggersglüß (1. Reihe, 1.v.l.), Jugendbildungsreferent DGB-Region Münsterland, mit der Flüchtlingsklasse und dem Team der Berufsschultour DGB NRW

Ihr wart letzte Woche mit der Berufsschultour das erste Mal in einer Klasse nur mit geflüchteten Jugendlichen. Was genau war das für eine Gruppe?

Felix Eggersglüß: Die 18 Schülerinnen und Schüler waren zwischen 17 und Anfang 20. Die meisten kamen aus Afghanistan. Einige aber auch aus Syrien und dem Irak. Anders als in den Klassen, die wir sonst auf unserer Berufsschultour treffen, hatten die Jugendlichen sehr unterschiedliche Bildungserfahrung: Einige sind bereits zehn Jahre zur Schule gegangen, andere hatten bisher nur wenig Hausunterricht in ihrer Familie. Außerdem hatten die Jugendlichen unterschiedliche Muttersprachen – und noch niemand von ihnen konnte fließend Deutsch, denn sind sie erst seit kurzem in Deutschland. Erst im Januar wurde diese Klasse am Hans-Böckler-Berufskolleg in Münster überhaupt eingerichtet.

Wie habt ihr die Sprachbarrieren denn überwunden?

Da uns unser Kontaktlehrer uns bereits vorher über die Sprachkenntnisse informiert hatte, begleitete uns mein ägyptischer Freund Ahmed. So konnte er alles, was die Teamerin Defne und der Teamer Daniel erklärten, ins Arabische übersetzen. Ein syrischer Schüler hat das dann wieder in Dari übersetzt – einer Sprache, die in Afghanistan gesprochen wird und die er selbst übrigens erst in Deutschland gelernt hat, da er hier mit so vielen Menschen aus Afghanistan zu tun hat. Insgesamt gab es auch eine große Hilfsbereitschaft unter den Schülerinnen und Schülern. Außerdem waren uns die Informationsmaterialen des DGB in Farsi eine große Hilfe. Denn Farsi ist Dari sehr ähnlich, sodass die Afghanen es lesen und verstehen.

Bestätigt hat sich für uns aber: Nicht nur die Sprache ist eine Hürde. Unser Team hat mit einem angepassten Modul aus seinem regulären Berufsschultour-Programm angefangen, aber ganz schnell gemerkt, dass sie damit nicht weiterkommen. Die meisten haben keine Erfahrungen mit unseren gewachsenen Institutionen. Unsere Art der Mitbestimmung im Betrieb ist für sie komplett neu.

 


Bilder vom Schulbesuch

(Für eine größere Ansicht bitte anklicken)


Woran hast du das gemerkt?

Zum Beispiel war nicht klar, was Gewerkschaften sind. Das einzige arabische Land, in dem staatlich unabhängige und erfolgreiche Gewerkschaften existieren, die mit unseren vergleichbar sind, ist Tunesien. Gibt es in anderen Ländern Gewerkschaften, stützen sie teils diktatorische Systeme oder sie haben keine Macht. Durch Übersetzungsprobleme haben wir zuerst auf Dari gar kein Wort für Gewerkschaften gefunden.

Wenn Gewerkschaften in ihrer Heimat teils mit Negativem verknüpft sind, gab es dann bei den Jugendlichen Misstrauen euch gegenüber?

Nein, misstrauisch habe ich die Klasse nicht erlebt. Die Schülerinnen und Schüler waren sehr neugierig, haben viele Fragen gestellt, zum Beispiel wie lange eine Ausbildung dauert. Und was sie davon haben.

Oft hört man, die Geflüchteten wollten gar keine Ausbildung absolvieren, sondern viel lieber studieren. Wie war das in der Klasse, die ihr besucht habt?

Die meisten hatten ganz handfeste Vorstellungen, was sie werden wollen – Fliesenleger, Schweißer oder ähnliches. Oft waren die Pläne von Kontakten geprägt, die sie bereits in Deutschland hatten; da arbeitet zum Beispiel ein Onkel im Handwerk und sein Neffe interessiert sich jetzt auch dafür. Das Klischee hat sich bei uns also nicht bewahrheitet: Es ist keineswegs so gewesen, dass die Mehrzahl gesagt hätte, sie wollte unbedingt studieren.

Wie sieht dein Fazit aus: Was war das Ziel eures Besuchs und habt ihr dieses erreicht?

Wie bei unserer regulären Berufsschultour wollten wir die jungen Menschen über ihre Rechte und Pflichten in der Ausbildung aufklären und darüber, was Gewerkschaften und Betriebsräte sind. Ihnen klarmachen, dass sie nicht alleine sind, sondern Gewerkschaften und Betriebsräte unterstützen, wenn sie Rechte bei ihrem Arbeitgeber einfordern. Bei den geflüchteten Jugendlichen ging es natürlich zusätzlich darum, einen generellen Einblick in unsere Arbeits- und Ausbildungsstrukturen zu vermitteln. Ich glaube, das ist uns gelungen.

Werdet ihr euch denn jetzt regelmäßig gezielt an Flüchtlingsklassen wenden?

Der Besuch war jetzt recht spontan. Ein Lehrer fragte, ob wir das machen würden und da haben wir zugesagt. Wir wussten vorher, das wird ein wenig „Laufen lernen beim Gehen“. Das war ein Testballon. Er hat gezeigt, dass unsere Standardmodule auf keinen Fall ausreichen. Wir brauchen zum Beispiel sehr einfaches Deutsch oder Menschen zum Übersetzen, die sich im gewerkschaftlichen Kontext auskennen. Mit Eric (Anm. d. Red. Jugendsekretär DGB NRW) stehen wir im laufenden Kontakt darüber, was wir vor Ort leisten können. Wir müssen das als DGB-Jugend genau prüfen. Wir wollen keine falschen Hoffnungen schaffen und die Qualität unserer Aktivitäten sicherstellen.

Im Münsterland überlege ich, ein Mentorinnen- und Mentoren-Programm aufzubauen. Darin könnten junge Gewerkschafterinnen und Gewerkschaften eine Art Patenschaft für jugendliche Flüchtlinge übernehmen, um ihnen das Ankommen im deutschen Bildungs- und Arbeitssystem zu erleichtern.

Setzt sich die DGB-Jugend auf andere Weise für Geflüchtete ein?

Viele Kolleginnen und Kollegen unterstützen ehrenamtliche Bündnisse vor Ort. Generell kommt unser Einsatz für eine gerechteres und besseres Schul- und Ausbildungssystem aber natürlich auch Geflüchteten zugute. Aktuell setzen wir uns sehr stark dafür ein, dass bei der Novellierung des Berufsbildungsgesetzes, kurz BBiG, eine Ausbildungsgarantie für alle festgeschrieben wird. Wir möchten auch, dass moderne Lernmittel für alle kostenlos gestellt werden. Von einer besseren Ausbildung profitieren alle – egal wie lange sie schon in Deutschland leben.


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