Deutscher Gewerkschaftsbund

03.03.2016

Integration von Geflüchteten in NRW-Arbeitsmarkt verlangt nach Anpassung von Standard-Systemen

Rückblick auf Fachtagung am 29. Februar 2016 mit fünf Expertinnen und Experten

Sefer Öncel, Andreas Meyer-Lauber und Miriam Koch berichteten über die Integration von Flüchtlingen in NRW auf diesem Seminar für Gewerkschaften (v.l.n.r.)

DGB NRW

Wie sieht die Situation Geflüchteter auf dem nordrhein-westfälischen Arbeitsmarkt aus? Und welche gewerkschaftlichen Forderungen und Handlungsmöglichkeiten gibt es? Diese Fragen standen im Mittelpunkt der Tagung am 29. Februar im Düsseldorfer Gewerkschaftshaus. Im Laufe der Veranstaltung informierten fünf Fachleute aus unterschiedlichen Bereichen, um Antworten zu finden.

Vorsitzender DGB NRW: Jetzt handeln, damit Integration durch Arbeit und Bildung gelingt

Andreas Meyer-Lauber, Vorsitzender DGB NRW, machte klar, dass für Gewerkschaften der Fokus auf Integration durch Arbeit und Bildung liege. Eine Ausweitung der Schulpflicht sei eines der Werkzeuge, um jungen Flüchtlingen Chancen zu öffnen. Dabei sei auch ein entsprechendes Handeln der Landesregierung nötig. So müssten dringend 5.000 Plätze in internationalen Förderklassen an Berufskollegs eingerichtet werden. "Berufskollegs sind der beste Ort, um Integrationsarbeit durch Berufsorientierung zu leisten", so Meyer-Lauber. Ein wichtiger Schlüssel sei daneben der Spracherwerb. Hier sei der IG Metall-Vorschlag eines Integrationsjahres besonders erwähnenswert: Nach dem 4-plus-1-Modell können Geflüchtete 4 Tage arbeiten und einen Tag lernen. Die Integrationskurse müssten dazu auf ein Jahr gestreckt und Geflüchtete statt täglich halbtags, einmal pro Woche ganztags zum Unterricht gehen. Damit Betriebe auf dieser Basis Geflüchtete beschäftigen, könnten sie durch Eingliederungszuschüsse unterstützt werden.

Details zu den Forderungen des DGB NRW vertiefte Michael Hermund, Leiter der Abteilung Arbeitsmarkt-Politik. Er betonte: "Eine systematische Berufsorientierung für alle jungen Flüchtlinge ist dringend nötig." Um dies zu realisieren, würden der DGB NRW gemeinsam mit Partnern im Ausbildungskonsens konkrete Forderungen an die Landespolitik formulieren.

Integration von Flüchtlingen in Ausbildung und Arbeit (PDF, 320 kB)

Der DGB NRW hat gemeinsam mit den Partnern im Ausbildungskonsens – unternehmer NRW, IHK NRW, Verband Freier Berufe NRW und Westdeutscher Handwerkskammertag – drei Punkte definiert, die das Land NRW umsetzen kann, um Integration zu verbessern. Laden Sie sich hier den Forderungskatalog als PDF herunter.

Zahl von Asyl-Anträgen vergleichbar mit Situation 1992

Oona Grünebaum, Leiterin der Abteilung Öffentlicher Dienst des DGB NRW, gab eine Einführung in das deutsche Asylverfahren und aktuelle Flüchtlingszahlen: "Vergleichen wir die Zahlen von 1992 mit denen von 2015, sehen wir, dass wir schon einmal eine ähnliche Entwicklung von Asyl-Anträgen hatten – und auch damals haben wir die Situation gemeistert."

Grünebaum, Oona (02/2016): Arbeitsmarkt-Integration von Geflüchteten – Eine Einführung (PDF, 281 kB)

Am 29. Februar 2016 gab Oona Grünebaum mit dieser Präsentation eine Einführung in die Situation von Geflüchteten auf dem Arbeitsmarkt.

Regionaldirektion der Arbeitsagentur will mit Integration Points früh unterstützen

Wie die NRW-Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit auf die Herausforderung heute reagiert, erläuterte Sefer Öncel in seinem Vortrag. Öncel ist Teil der Projektgruppe Flüchtlinge der Regionaldirektion. Er beobachtet: "Die Mehrheit sucht erst einmal Helfertätigkeiten." Sobald die Geflüchteten aber in Betreuung durch die Arbeitsagentur seien, Sprachkompetenzen erwürben und ihre Abschlüsse anerkannt würden, steige auch ihr berufliches Niveau.

Sefer Öncel, NRW-Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit

Sefer Öncel, NRW-Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit DGB NRW

Um Geflüchtete optimal zu betreuen, wurden in NRW 35 Integration Points eingerichtet. In diesen arbeiten Arbeitsagentur, Jobcenter und Kommunalverwaltungen gemeinsam. Jeder bemühe sich, das Ankommen und die Integration in den Arbeitsmarkt zu erleichtern. Dafür seien bei der Arbeitsagentur mehrere Hundert zusätzliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingestellt worden. Auch gebe es viel ehrenamtliche Unterstützung. "Je früher wir anfangen, desto besser", machte Öncel das Prinzip klar, bereits bei der Identitätsprüfung und der Klärung des Aufenthaltsstatus den Erstkontakt zum Integration Point herzustellen. "Der Mehrwert für eine frühe Intervention ist klar." Schon während des Asyl-Verfahrens würden deshalb in NRW Sprachkurse unterschiedlicher Anbieter angeboten. Neu sei in NRW außerdem ein Förderzentrum für Flüchtlinge, in dem Eingangsqualifizierung, Spracherwerb und sozialintegrative Maßnahmen bis zu 18 Monaten laufen.

Sefer, Öncel (02/2016): Arbeitsmarkt-Integration von Geflüchteten in NRW (PDF, 771 kB)

Mit dieser Präsentation stellte Öncel Sefer von der Regionaldirektion Nordrhein-Westfalen der Bundesagentur für Arbeit am 29. Februar 2016 die Situation Geflüchteter auf dem nordrhein-westfälischen Arbeitsmarkt vor. Dabei ging er insbesondere auf die Rolle von Integration Points ein.

Qualifikationen als Zukunftsinvestition

Die Flüchtlingsbeauftragte der Stadt Düsseldorf, Miriam Koch, ergänzte Öncels Bericht mit Hinweisen auf die Situation in Düsseldorf. Aus ihrer Sicht sei die Idee des Integration Points auch, "Menschen vor dem Bürokratie-Dschungel zu bewahren". Um die Betreuung der Geflüchteten noch weiter zu verbessern, sei dringend ein Daten-Austauschgesetz nötig. Koch machte deutlich, dass immer mindestens ein Drittel der Menschen, die in Düsseldorf Zuflucht finden, unter 18 Jahre alt sei. "Was alle mitbringen, ist ein hohes Maß an Motivation", so die Flüchtlingsbeauftragte. Sie plädierte dafür, Geflüchteten schnell Zugang zu Bildung und Arbeit zu schaffen: "Alles, was man den Menschen an Qualifikation mitgibt, werden die Menschen nutzen, um in ihrer Heimat wieder die Steine aufeinander zu setzen." Hier sah sie Politik in der Pflicht, langfristig zu denken.

Miriam Koch, Flüchtlingsbeauftragte der Stadt Düsseldorf

Miriam Koch, Flüchtlingsbeauftragte der Stadt Düsseldorf DGB NRW

Auch für die Unterbringung von Flüchtlingen ist Koch zuständig. Sie zeigte einige Beispiele von neuen Wohn-Containern. Bei der Schaffung von Wohnraum für Geflüchtete gebe es immer wieder Konflikte, auch wenn die Stadt hier sehr viel mit Bürgerinnen und Bürgern kommuniziere. So hätten einzelne das Gefühl, in ihrer Nachbarschaft würden mehr Menschen untergebracht als in anderen. Eine absolut gleichmäßige Verteilung über das Stadtgebiet, sei aber nicht zu realisieren, so Koch, auch wenn man sich hierum bemühe.

In der abschließenden Diskussion wurde noch einmal deutlich, dass Standard-Systeme im Bereich Schule und Arbeit schnell an ihre Grenzen stoßen und neue Programme nötig sind. Gleichzeitig sei es auch Aufgabe von Gewerkschaften, dass Menschen ohne Flüchtlingshintergrund weiterhin Zugang zu unterstützenden Maßnahmen haben. Ebenfalls ein Handlungsfeld für Gewerkschaften ist die Aufklärung über das duale Ausbildungssystem. Vielen sei das berufliche Ausbildungssystem in Deutschland gänzlich unbekannt. Um es auch für Geflüchtete attraktiver zu machen, wird die DGB-Jugend künftig auf ihren Berufsschul-Touren auch mit arabischen Materialien informieren.

Bildergalerie

Schauen Sie sich hier Fotos von der Fachtagung "Arbeitsmarkt-Integration von Geflüchteten in NRW" an.


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