KiTa-Katastrophe verhindern!

Warum die Reform des Kinderbildungsgesetzes die frühkindliche Bildung in NRW gefährdet

In NRW herrscht seit Jahren ein dramatischer Kita-Notstand: Es fehlen 85.000 Plätze, Tausende Fachkräfte und die Fachkraft-Kind-Relation ist weit von wissenschaftlichen Empfehlungen entfernt. Statt die Qualität zu verbessern, drohtmit der Reform des Kinderbildungsgesetz NRW (KiBiz) ein massiver Qualitätsverlust in der frühkindlichen Bildung. Der DGB NRW und seine Mitgliedsgewerkschaften GEW und ver.di warnen: Dieser Weg führt in die falsche Richtung! Die Landesregierung muss dringend nachbessern!

Kern- und Randzeiten: Bildung nach Kassenlage!

Der vom Familienministerium vorgelegte Gesetzentwurf zur Reform des Kinderbildungsgesetzes führt sogenannte Kern- und Randzeiten ein (§ 27 Abs. 6). In der Kernzeit von nur 25 Wochenstunden sollen vollqualifizierte Fachkräfte eingesetzt werden – in den Randzeiten darf weniger qualifiziertes Personal die Kinder betreuen. Der DGB lehnt diese Trennung strikt ab, denn: Bildung, Erziehung und Betreuung bilden laut SGB VIII einen untrennbaren Dreiklang. Schon der Abschied von den Eltern am Morgen und die ersten Begegnungen mit anderen Kindern sind pädagogisch bedeutsame Momente. Diese künstliche Aufspaltung degradiert Teile des KiTa-Tages zu bloßer Aufbewahrung und schafft Bildung nach Kassenlage der Träger. Die Folge ist mehr Belastung statt Entlastung.

Überbelegung: Noch mehr Kinder in ohnehin volle Gruppen!

Bereits jetzt arbeiten KiTa-Teams am absoluten Belastungslimit. Trotzdem sieht der Gesetzentwurf (§ 26 Abs. 2) eine Ausweitung der Überbelegungsmöglichkeiten auf bis zu vier zusätzliche Kinder pro Gruppe vor. Die wissenschaftliche Evidenz ist eindeutig: Kleinere Gruppen und ein guter Fachkraft-Kind-Schlüssel sind entscheidend für den Bildungserfolg der Kinder. Größere Gruppen bedeuten mehr Lärm, mehr Konflikte, höheren Stress – und ein wachsendes Risiko für Unachtsamkeiten, Unfälle und Kindeswohlgefährdung.

Personalverordnung 2024: Qualifikation wird ausgehöhlt!

Seit Ende 2024 gilt in NRW eine neue Personalverordnung, die den Einsatz von geringer qualifiziertem Personal auf Fachkraftstunden erheblich ausweitet. Der Anteil der KiTa-Teams mit hoher Fachkraft-Quote in NRW ist laut Bertelsmann Stiftung von 45 % (2017) auf nur noch 31 % (2023) gesunken – einer der stärksten Rückgänge bundesweit. Was als Notlösung begann, wird durch die KiBiz-Reform zur Dauerstrategie. Das Fachkräftegebot wird durch das Wort „grundsätzlich“ aufgeweicht (§ 28 Abs. 2) – ein Einfallstor für weitere Absenkungen.

Finanzierung: Kindpauschalen decken nicht die realen Kosten!
Das Finanzierungssystem über Kindpauschalen deckt die realen Kosten vieler Träger nicht. Besonders problematisch: Die Integration der Alltagshelfer*innen-Förderung in die Kindpauschale benachteiligt kleinere Einrichtungen massiv. Bisher erhielten Kitas rund 16.000 Euro pro Einrichtung – durch die Umstellung erhalten Einrichtungen mit z.B. 25 Kindern nur noch gut 5.000 Euro.

 

Bildung und Betreuung gehören zusammen!

Sozialpädagogische Betreuung umfasst die achtsame Umsorgung der Kinder, die Gestaltung einer solidarischen Kindergemeinschaft und die Sorgearbeit im Sozialraum – und erfordert höchste Professionalität. Die Aufspaltung in Bildungs- und Betreuungszeiten widerspricht diesem ganzheitlichen Ansatz fundamental. Sie reduziert Betreuung auf bloße Aufsicht und wertet die anspruchsvolle sozialpädagogische Arbeit ab.

 

Wer Betreuung von Bildung trennt, hat den Auftrag der KiTa nicht verstanden!

Was jetzt passieren muss - Unsere Forderungen an die Landesregierung!

  1. Keine Kern- und Randzeiten einführen!

    Der gesamte KiTa-Tag muss als Bildungszeit gelten - mit vollem Fachkräfteeinsatz.

  2. Keine Überbelegung zulassen!

    Gruppengrößen müssen perspektivisch verringert, nicht ausgeweitet werden.

  3. Echt Fachkräfteoffensive voranbringen!

    Statt Qualifikationen abzusenken, braucht es attraktive Arbeitsbedinungen, bessere Bezahlung und eine verlässlich finanzierte Ausbildung.

  4. Landesweit Qualitätsstandards einführen!

    Die Qualität frühkindlicher Bildung darf nicht von der Kassenlage der Kommunen abhängen.

  5. Ausreichende Finanzierung garantieren!

    Ein Kinderbildungsgesetz braucht eine Finanzierung, die die realen Kosten deckt.

  6. Gewerkschaften frühzeitig beteiligen!

    Für ene langfristige und nachhaltige Lösung muss die Expertise der Beschäftigten gehört werden.

Beispiel Dormagen: Wie es funktionieren kann

Die Stadt Dormagen hat 2025 ein Pilotprojekt zur Entlastung von KiTas gestartet und dabei in sieben KiTas die Kinderzahl pro Gruppe um rund 20 % gesenkt. Während die Landespolitik vor allem auf Flexibilisierung und den Einsatz von Ergänzungskräften setzt, zeigt Dormagen, dass Qualitätssteigerung und echte Entlastung nur durch einen besseren Personalschlüssel entstehen – nicht durch neue Ausnahme- und Übergangsregelungen. Möglich ist das, weil neue KiTas gebaut werden, die Platzvergabe durch ein neues, effizienteres Verfahren zentral gesteuert wird und es insgesamt ein leichtes Überangebot an Plätzen gibt. Und weil die Stadt rund 750.000 Euro zusätzlich aus dem eigenen Haushalt investiert. Dabei ist die Hoffnung, dass das Land dieses Modell aufgreift und seine Zuschusslogik ändert, damit weitere KiTas in Dormagen und in anderen Kommunen die Kinderzahl in den Gruppen senken können.

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Hier gibt es das 2-seitige Argumentationspapier "Klipp&Klar" zum Download.