Mehr als die Hälfte der Bevölkerung in Nordrhein-Westfalen sind Frauen und Mädchen. Sie haben mit ihrer Stimmabgabe zur Bildung der neuen Landesregierung beigetragen und erwarten nun Antworten auf viele Fragen und Notwendigkeiten, der sich Frauen jeden Tag stellen müssen.
Aus diesem Grunde begrüßen die Kolleginnen des DGB-Bezirksfrauenausschusses zunächst einmal, dass die neue Landesregierung in ihrem Koalitionsvertrag wichtige Forderungen der Gewerkschaften aufgegriffen haben. Der rot-grüne Koalitionsvertrag entspricht in weiten Teilen den gewerkschaftlichen Vorstellungen einer frauenfreundlichen Politik.
In fast allen Politikbereichen des Koalitionsvertrages spielt die Geschlechterfrage eine maßgebliche Rolle. Dieses wird seitens der Gewerkschaftsfrauen begrüßt, denn so wird unterstrichen, dass Frauenpolitik Gesellschaftspolitik ist und somit die globalen Interessen aller Menschen umfasst.
Leider hat die Frauen- und Gleichstellungspolitik in Nordrhein-Westfalen unter der schwarz-gelben Regierung einen Bedeutungsverlust erlitten hat. Die Diskussion über den demografischen Wandel hat eine Familienpolitik in den Vordergrund treten lassen, die eher auf Mutterschaft als auf Gleichstellung der Geschlechter zielt.
Auch wenn die Frauenerwerbstätigkeit in NRW zwar gestiegen ist, so befinden sich viele der neuen Beschäftigungsverhältnisse im Bereich der Minijobs oder bei den befristeten Arbeitsverträgen, bei der Leiharbeit, im Niedriglohnbereich oder zunehmend auch bei der unfreiwilligen Teilzeitbeschäftigung.
Insgesamt kann gesagt werden, dass qualitative Verbesserungen – aus Sicht der Frauen in NRW – in den letzten Jahren nicht erreicht wurden. Daher wird von der neuen Landesregierung erwartet, dass sie Antworten auf viele ungeklärte und drängende Fragen geben wird.
Einige der folgenden Anforderungen können zwar von den Gewerkschaften oder den Betriebs- und Personalräten selbst in Verhandlungen eingebracht werden. Dennoch ist eine politische Flankierung dringend notwendig, um gleichstellungspolitische Fortschritte zu erzielen.
Wir wollen, dass Politik handelt, um endlich die Gleichstellung der Geschlechter zu erreichen, Dazu bedarf es neuer Ansätze in der beruflichen Gleichstellung, der Arbeitsmarktpolitik, der Bildungs- und Familienpolitik.
Für eine engagierte Frauen- und Gleichstellungspolitik müssen aus Sicht der DGB-Frauen folgende Punkte umgesetzt werden:
Berufliche Gleichstellung gesetzlich regeln und die Weiterentwicklung einer geschlechtergerechten Arbeitsmarktpolitik
Seit Jahren besteht zwar ein breites politisches Einvernehmen, die Chancen für Frauen auf dem Arbeitsmarkt zu verbessern. Aber die bestehenden Ungleichheiten werden nicht zurückgedrängt, sondern sie entstehen auch weiterhin z.B. wenn Frauen wegen Kinderbetreuung zeitweise aus der Erwerbsarbeit aussteigen oder wegen der Vereinbarkeit von Beruf und Familie Teilzeit arbeiten oder einen Minijob annehmen. Aber auch wegen der horizontalen und vertikalen Segregation des Arbeitsmarktes und der Unterbewertung vieler Frauenberufe ist eine Chancengleichheit für Frauen auf dem Arbeitsmarkt noch längst nicht gegeben.
Nach wie vor werden Frauen bei den Arbeitsentgelten benachteiligt, auch wenn Entgeltgleichheit von Frauen und Männern und existenzsichernde Arbeitsentgelte Gebote der Landesverfassung (Artikel 24 Abs. 2) sind.
Die DGB Frauen fordern:
Frauenpolitik muss einen angemessenen Stellenwert erhalten
Um dem erheblichen politischen Handlungsbedarf zum Abbau gesellschaftlicher Benachteiligungen von Frauen und der Verwirklichung der Gleichstellung zu entsprechen, bedarf es des Zusammenwirkens einer eigenständigen Frauen- und Gleichstellungspolitik.
Frauenpolitische Institutionen und Strukturen, die früher vom Land NRW zur Förderung gleichstellungspolitischer Ziele geschaffen worden waren, wurden in den vergangenen Jahren abgebaut oder eingestellt.
Die DGB Frauen fordern:
Vereinbarkeit von Beruf und Familie
In der Politik ist die Frage der Vereinbarkeit von Beruf und Familie zwar angekommen, doch die bisherigen Konzepte sind noch nicht schlüssig. In NRW werden die Erwerbschancen von Frauen extrem von mangelnden Rahmenbedingungen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie beeinträchtigt. Wir brauchen eine nachhaltige Politik mit Horizont.
Die DGB Frauen fordern:
Modernisierung der Bildungspolitik
Wir brauchen eine konsequente Bildungspolitik des lebenslangen Lernens entlang der gesamten Bildungskette. Nur so verwirklichen wir gleichen Zugang zu Bildung in allen Lebensphasen. Mädchen und junge Frauen sind bildungspolitisch auf dem Vormarsch. Sie machen überdurchschnittlich oft hohe Schulabschlüsse und sie erreichen die besseren Abschlüsse. Sie wollen gute Ausbildungsplätze, ihre Anteile an den Studierenden und an Promotionen steigen. Wir haben die am besten ausgebildete Frauengeneration aller Zeiten. Diese guten Startchancen verlieren sich mit Eintritt in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt oder die akademische Laufbahn allerdings schnell.
Wir brauchen eine geschlechtergerechte Bildungspolitik. Die öffentliche Wahrnehmung darf sich nicht auf die ‚benachteiligten’ Jungen verengen. Dazu gehört auch die gendersensible Auswertung der PISA-Studien. Denn Untersuchungen wie PISA zeigen deutlich, dass Ungleichbehandlungen, die sich u.a. auf traditionelle Rollenbilder beziehen, bereits früh in der Bildungskette und vor allem in der Schule verankert werden. So partizipieren junge Frauen viel weniger am naturwissenschaftlichen Unterricht.
Alle, die im Bildungsbereich arbeiten, tragen große Verantwortung. Dies muss sich in der Aufwertung ihrer Berufe wiederfinden.
Die DGB Frauen fordern:
Die betriebliche Weiterbildung muss Frauen und Männer gerechter berücksichtigen.
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Stand: August 2010